Eines der wichtigsten Monumente badischer geschichte

Grabkapelle Karlsruhe

Rückgriff auf Älteres

Stilgeschichte

Eine Kapelle, die auf den ersten Blick mittelalterlich wirkt und es doch nicht ist. Was steckt dahinter? Die Antwort lautet „Historismus“: ein Phänomen des 19. Jahrhunderts. Architektur- und Dekorationsformen vergangener Jahrhunderte wurden nachgeahmt oder miteinander kombiniert.

Ansicht der Großherzoglichen Grabkapelle Karlsruhe; Foto: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Arnim Weischer

Im gotischen Stil.

Zitate aus der Baugeschichte

Das Interesse an Ornamentik und Architektur des Mittelalters war im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Mittelalterliche Kirchen wurden restauriert oder ergänzt, neue Gebäude in Stilformen des Mittelalters entworfen. Nach 1871 nahm der Nationalstolz und der verklärende Blick auf Vergangenes zu. Man baute im Stil der Neugotik, später auch im Stil der Neurenaissance oder des Neubarock – oder in einer interessanten Mischung! Großherzog Friedrich I. wünschte sich für das Äußere der Grabkapelle Formen der frühen Gotik.

Detail des Innenraums der Großherzoglichen Grabkapelle Karlsruhe; Foto: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Sandra Eberle

Stilisierte Pflanzen und eine Eidechse im Chor.

Eigenwilliger Historismus

Die Kombination der Stilelemente in der Kapelle ist eigenwillig: Der Altar ist Vorbildern der italienischen Renaissance nachempfunden, die hölzernen Gewölbe zeigen merkwürdig rustikale Elemente, zum Beispiel in den Zwickeln der Vierung je eine Art Wagenrad. Stark stilisierte Pflanzenornamente und die Glasfenster der Gruft lassen den herannahenden Jugendstil erahnen. Als wichtiges Vorbild jedoch wählte Friedrich I. die Klosterkirche Tennenbach aus dem 13. Jahrhundert. Sie war 1834 abgetragen und in Freiburg wieder aufgebaut worden.

Wunsch nach Privatheit

Dass man für die Gräber der Familie ein eigenes, abgeschiedenes Gebäude baute, zeigt: Der Wunsch nach privater Trauer war Ende des 19. Jahrhunderts stärker geworden als die Tradition der Familiengrablegen. Auch die Darstellung der Verstorbenen als Liegefiguren wirkt ganz intim. Anders als bei Standdenkmälern im öffentlichen Raum glaubte man, den Toten nahe sein zu können. Der Bildhauer Hermann Volz schuf mit den Figuren von Ludwig Wilhelm, Friedrich I. und Luise seine eindrücklichsten Arbeiten.

Die Figuren des verstorbenen Großherzogspaars Luise und Friedrich I.

Vorbild: Klassizismus

Für seine Grabdenkmäler nahm Volz die Kenotaphe im Mausoleum von Schloss Charlottenburg zum Vorbild. Christian Daniel Rauch (1777–1857) hatte dort 1814 die Figur der Königin Luise von Preußen vollendet, ein Hauptwerk klassizistischer Skulptur. Anmutig liegt sie auf einen Sockel gebettet, den Kopf erhöht, die Stoffe in Falten gelegt. Während es Liegefiguren bereits im Mittelalter gab, fußt die Darstellung der Toten als Schlafende auf einer Auffassung der Romantik: Den Tod verstand man als „ewigen Schlaf“.

TIPP

Betrachten Sie bei den Grabdenkmälern die Darstellung der Kleidungsstücke und Laken aus Marmor mit ihrem unterschiedlichen Faltenwurf. Besonders dünn und fein erscheint der Stoff auf dem Oberkörper Luises.